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Zufallsbefund rettet Patienten das Leben: Team der Gefäßchirurgie erfolgreich: Drohender Riss der Bauchschlagader abgewendet

Eigentlich war es die Bauchspeicheldrüse. Plötzliche starke Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit und Erbrechen hatten Karl G. über die Notaufnahme in das Limburger St. Vincenz-Krankenhaus gebracht. Diagnose: Akute Bauchspeicheldrüsenentzündung. Im Zuge der weiteren differenzialdiagnostischen Abklärung wurde ein sogenanntes PAU entdeckt, ein „penetrierendes Aortenulcus“ wie es in der medizinischen Fachsprache heißt. Dies ist ein seltenes, aber lebensbedrohliches Geschwür der Hauptschlagader: es zerstört ihre Gefäßwand und dünnt sie aus, bis es zum Riss, zur Ruptur kommt, bei welcher der Betroffene innerlich verbluten kann - eine sehr gefährliche, akut lebensbedrohliche Entwicklung mit sehr schlechter Prognose. Und eine Herausforderung für das Team der Gefäßchirurgie…

Lebensrettende Operation: Am OP-Tisch Chefärztin Dr. Patricia Schaub und der Leitende Oberarzt der Gefäßchirurgie, Christopher Ellermeier.

Die minimalinvasive Therapie mit einem innovativen Stentsystem konnte den tödlichen Durchbruch der Arterie verhindern und gleichzeitig die OP-Belastung für den betagten Patienten deutlich reduzieren. Die Prothesen entfalten sich an den Enden und Außenseiten selbst und lenken somit den Blutfluss wieder in die richtigen Bahnen.

Karl G. konnte dank der Zufallsdiagnose gerettet werden – trotz seines hohen Alters (85 Jahre), trotz diverser Vorerkrankungen und der komplexen Form des Geschwürs. In exakt 61 Minuten war er operiert, nach nur einer Nacht auf der Intensivstation kam der Patient auf die Normalstation und konnte am fünften Tag nach dem Eingriff entlassen werden. Die CT-Kontrolle hatte eine vollständige Ausschaltung des zufällig entdeckten Defekts gezeigt. Das ist nicht immer so: Nur acht von zehn Patienten überleben einen solchen Notfall. Wie bei allen Aneurysmen ist auch die  PAU ist gerade deshalb so gefährlich, weil sie zunächst nur wenig oder sogar gar keine Beschwerden verursacht. Hinzu kommt, dass das PAU typischerweise klein ist, meist nur ca. zwei Zentimeter. Durch diese punktuelle Belastung ist die Gefahr eines Risses der Hauptschlagader besonders groß.

So war es auch bei Karl G.: „Nachdem wir die Bilder der Hauptschlagader intensiv studiert hatten, entschieden wir uns in Abwägung der verschiedenen Faktoren für eine endovaskuläre* Therapieoption mittels Implantation eines innovativen Stent-Systems,“ erläutert der Leitende Oberarzt Christopher Ellermeier, der die Operation gemeinsam mit Chefärztin Dr. Patricia Schaub durchgeführt hatte (* endovaskulär meint die minimalinvasive  Behandlung von Gefäßerkrankungen mittels gefäßerweiternder Ballons oder Stents oder beschichteter Prothesen). So habe man die OP-Belastung für den betagten Patienten deutlich reduzieren können, da kein Bauchschnitt notwendig war, sondern lediglich ein Zugang über die Leiste wie bei einem Herzkatheter-Eingriff. Die Implantation der Gefäßprothese schützt den Patienten nun vor dem Riss der Hauptschlagader: Der Blutfluss wird wieder in die richtigen Bahnen gelenkt, indem sich die Prothesen an den Enden und Außenseiten selbst entfalten. So wird die Hauptschlagader vom Blutdruck entlastet, was den in den meisten Fällen tödlichen  Durchbruch der Arterie verhindern soll. Das Aneurysma wird also sozusagen von innen geschient.

Die große Herausforderung im Fall Karl G. bestand in dem sehr kleinen Gefäßdurchmesser des Patienten sowie die Blutversorgung der Nieren über zusätzliche Unterpol-Arterien. „Üblicherweise können Aortenprothesen nur über größere Gefäße in den Körper eingebracht werden“, so der Gefäßchirurg. „Aufgrund der kleinen Gefäßdurchmesser des Patienten kamen solche Systeme nicht in Frage. Letztendlich haben wir uns für ein besonderes Prothesen-System entschieden, das nach exakter dreidimensionaler computerunterstützter Vermessung des Aneurysmas anatomisch individuell angepasst werden kann.“

Grundsätzlich arbeitet das Team der Gefäßchirurgie unter Chefärztin Dr. Patricia Schaub wenn eben möglich mit endovasculären Therapiemethoden, da die konventionellen, offenen Bauch-OPs mit großen Belastungen für den Patienten verbunden sind. Aus einer Vielzahl der Behandlungsmöglichkeiten wird das für den Patienten und seine  Lebenssituation passende, individuelle Behandlungskonzept erarbeitet. Nicht zuletzt um die oft lebensbedrohlichen Folgen nach dem Platzen eines Gefäßes, den Schlaganfall oder die Amputation eines Beines zu verhindern, wird in der Vincenz-Gefäßchirurgie eine 24-Stunden-Versorgung für akute Gefäßerkrankungen vorgehalten.

++++++ Hintergrund +++++++++  

Die PAU-Erkrankung entsteht meist  bei langjährigem Bluthochdruck sowie massiver Verkalkung der Bauchschlagader. Ohnehin empfehlen die Fachgesellschaften, dass sich Männer ab 65 Jahren und Frauen mit Rauchervergangenheit ab 65 Jahren auf ein Bauchaortenaneurysma untersuchen lassen sollten. Personen (Männer und Frauen) mit Aneurysma-Trägern in der Familie sollten sich ab dem 60. Lebensjahr zumindest einmalig einer Ultraschalluntersuchung der Hauptschlagader unterziehen. Diese Untersuchung kann einfach, schnell und mit hoher Aussagekraft durchgeführt werden. Abhängig vom Befund wird der behandelnde Arzt (Angiologe, Gefäßchirurg) ein Kontrollintervall empfehlen. Dies kann zwischen zehn Jahren bei völligem Normalbefund und wenigen Monaten bei entdecktem Aneurysma liegen. Platzt ein Aneurysma verspürt der Betroffene einen starken Vernichtungsschmerz im Brust- oder Bauchbereich. Die starken inneren Blutungen führen zu einem Kreislaufschock. Der Patient muss sofort operiert werden. Die schonende Vorsorgeuntersuchung dagegen kann definitiv Leben retten: Zahlreiche Todesfälle durch die meist tödlich verlaufenden Rupturen könnten so verhindert werden.