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„Pflege muss für sich selbst werben“ - Auszubildende der BILDUNGSWERKstadt treffen Bundesarbeitsminister Hubertus Heil

Nicht erst seit Corona ein heißes Thema in der öffentlichen Diskussion: die Arbeitsbedingungen in der Pflege. Seit Jahren diskutiert Deutschland über das eklatante Missverhältnis zwischen der Anzahl der Pflegebedürftigen und der Zahl an Pflegekräften. Die Gelegenheit des direkten Austauschs mit der Politik nutzten nun 14 Auszubildende zur Gesundheits- und Krankenpflege: Im persönlichen Gespräch mit dem Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil, (SPD), setzten sich die Schüler:innen der BILDUNGSWERKstadt für bessere Arbeitsbedingungen in ihrem späteren Arbeitsumfeld ein und forderten von der Politik Veränderung und konstruktive Entwicklung in der Pflege.

Sie wollen ein Zeichen setzen – ein Zeichen für den Berufsstand, dem sie einmal angehören wollen, ein Zeichen für mehr Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit in der Pflege: Auszubildende zur Gesundheits- und Krankenpflege der BILDUNGSWERKstadt St. Vincenz.

„Schon seit Jahren appelliert die Pflege an die Politik, den eklatanten Notstand in ihrem Arbeitsbereich zu ändern – bewegt hat sich nichts! Obwohl die Problematiken hinlänglich bekannt sind und sich gerade in den letzten zwei Jahren zuspitzten, wurde in der letzten Legislaturperiode sehr wenig für Pflegende und Pflegeempfänger bewirkt – wie kann das sein? Wie kann der Pflegeberuf für junge Menschen, aber auch für altgediente Pflegekräfte, attraktiver gestaltet werden?“ – so die zentralen Fragen. Zwei Herausforderungen seien in diesem Kontext zu unterscheiden, erklärte Bundesarbeitsminister Heil, welche die verschiedenen Pflegefachrichtungen unterschiedlich tangierten. Im Bereich der Altenpflege sei vor allem die vielfach diskutierte niedrige Lohnstruktur das vorrangige Problem.  vor allem bedingt dadurch, dass viele Einrichtungen nicht nach einem Tarifvertrag bezahlen. Überall dort, wo nach relevanten Tarifverträgen (wie dem TVöD) entlohnt werde, also auch im Krankenhaus, seien die Gehälter in der Regel besser, so der Minister. Dies sei nicht nur im Bereich der Pflege der Fall, sondern branchenübergreifend. Grundsätzlich beständen immer noch deutliche Lohnunterschiede zwischen sozialen Berufen und denen, die dem technisch-industriellen Bereich anzuordnen sind, bestätigte Heil. Es sei unverständlich, dass 30 Tonnen Stahl zu bewegen besser bezahlt werde, als 80 Kilo Mensch zu mobilisieren. „Das muss grundsätzlich geändert werden!“, so der Bundesarbeitsminister. Seine Lösung speziell für die Altenpflege? Künftig sollen Pflegeinrichtungen nur dann Geld aus der Pflegeversicherung bekommen, wenn sie nach Tarif bezahlen.

Im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege im Krankenhaus werde meist nach Tarif entlohnt, sodass die vorrangige Problematik in diesem Bereich, weniger die Entlohnung, sondern vielmehr der Personalmangel sei, erklärt der Minister. Auf einzelne Pflegekräfte konzentriere sich eine so hohe Arbeitslast, dass viele von ihnen ihren Beruf nicht bis zur Rente ausüben könnten – eine Tatsache, die abschreckt. Wie dies sein könne? Im Rahmen der DRG-Abrechnung werden Leistungen in den Krankenhäusern über sog. Fallpauschalen abgerechnet. Ein System, das auf dem Rücken der Pflege ausgetragen werde, erläutert Heil auf die Frage nach der Nachhaltigkeit dieses Systems. Denn so würden nur einzelne Leistungen, nicht aber das Vorhalten von Personal und Material vergütet. Die Folge: es steht weniger Budget für das „Vorhalten“ von Pflegepersonal zur Verfügung, Personalvorgaben gehen am tatsächlichen Bedarf vorbei. Eine bessere Personalausstattung sei jedoch notwendig, um die einzelnen Pflegekräfte zu entlasten. Dies verursache zwar zwangsläufig eine Steigerung der Kosten, diese sei jedoch solidarisch zu finanzieren, ggf. in Form einer Bürgerversicherung. Der Staat müsse hier mehr Verantwortung für die Gesundheit übernehmen, ist Heil überzeugt.

Besonderen Fokus legte der Minister auf die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Pflegebereich, denn wirksamstes Mittel gegen den Fachkräftemangel sei nach wie vor die Ausbildung qualifizierter Kräfte: „Wir können es uns nicht leisten, nicht auszubilden!“ Durch die Umstellung auf die generalistische Ausbildung, im Rahmen derer die Ausbildungsgänge der Gesundheits- und Krankenpflege, der Kinderkrankenpflege sowie der Altenpflege zusammengefasst worden sind, seien in allen Bereichen einheitliche Bedingungen geschaffen worden, die insbesondere eine angemessene Vergütung beinhalten. So zählt die Ausbildung zum Pflegefachmann bzw. –frau etwa zu den am besten bezahlten Ausbildungsberufen in Deutschland.  

Wie aber können junge Leute nicht nur für eine Ausbildung in der Pflege gewonnen werden, sondern auch davon überzeugt werden, dem Beruf langfristig treu bleiben, wollten die angehenden Pflegekräfte wissen. „Die Ausbildung ist beste Eintrittskarte in ein gutes Erwerbsleben, aber sie wird vermutlich nicht ausreichen…“, prophezeit Heil. Entscheidend seien für die langfristige Attraktivität des Berufs neben guten Arbeitsbedingungen deswegen auch berufliche Perspektiven, insbesondere in der beruflichen Weiterbildung. Er könne sich beispielsweise vorstellen, dass es zeitnah nicht nur Elternzeit sondern auch Bildungszeiten geben könnte, um sich weiter zu qualifizieren und beruflich aufzusteigen. Der Pflegeberuf biete hierfür hervorragende Möglichkeiten, wie beispielsweise die Weiterbildung zur Anästhesie- und Intensivpflegekraft.

„Pflege muss für sich selbst werben!“, ist Bundesarbeitsminister Heils Rezept, um die Attraktivität des Berufsstandes zu steigern. Entscheidend sei, dass Pflegekräfte selbst für ihre wichtige Arbeit mit und am Menschen einständen und dies deutlich kommunizierten, um dazu beizutragen dass der Pflegeberuf als eigenständiger, hochqualifizierter Berufsstand wahr- und ernstgenommen werde. „Bunte Kampagnen mit peppigen Slogans können nicht authentisch für den Pflegeberuf begeistern“, konstatiert Heil, essenziell seien stattdessen gute Arbeitsbedingungen und (berufliche) Perspektiven, die eine Tätigkeit in diesem Bereich erstrebenswert machen. Bleibt zu wünschen, dass die Politik hierfür notwenige Rahmenbedingungen schafft.