Seitliche Unternavigation

Zusatzinformationen im Sidebar

Hauptinhalt

„Ich wollte halt Puls haben…“ - eine Botschafterin für den Pflegeberuf geht nach 42 Jahren Notaufnahme in den Ruhestand

Sie ist die personifizierte Werbung für ihren Beruf: Hildegard Marchesi, oder „die Hilde“, wie ihre Kolleg:innenn sie nennen. „Mein Traum ist in Erfüllung gegangen“, sagt Marchesi – im Rückblick auf 42 Berufsjahre als Krankenschwester und immer noch mit voller Überzeugung. In all diesen Jahren hat sie nicht nur ein Stück Vincenz-Geschichte mitgeschrieben, sondern auch das „Gesicht“ der Notaufnahme entscheidend mitgeprägt. Heute, am 31. Juli 2021, ist ihr letzter Arbeitstag – ein Kurzporträt, stellvertretend für viele verdiente Mitarbeiter:innen, die in diesem Jahr in den Ruhestand gehen.

"Es ist so ein wunderschöner Beruf, so abwechslungsreich und man tut ganz konkret etwas für die Menschen! Ich würde das immer wieder machen.“ Was für ein Statement nach 42 Arbeitsjahren. Dabei war die Notaufnahme, ihr Einsatzgebiet in all den Jahren, nie ihr Ziel. Zwar war das Krankenhaus als solches nach dem Pflege-Examen ihr Wunsch-Arbeitsplatz: „Ich wollte halt Puls haben.“ Aber beworben hat sie sich damals auf alle möglichen Ausschreibungen in der Klinik, nur nicht auf die „Ambulanz“, wie es damals hieß. Allein die damalige Pflegedirektorin, Schwester Maria Osmunda, hatte ihr vorgeschlagen, es doch einmal dort zu versuchen. Wenn es ihr nicht gefalle, sei sie ja noch lange nicht damit verheiratet. Schon ein halbes Jahr später stand es fest: „Ich brauche mich nicht scheiden zu lassen“, meldete Hilde Marchesi der Pflegedirektorin. Eine Wasserstandsmeldung, die 42 Jahre Bestand haben sollte… 

Bewegte Zeiten hat Hilde Marchesi dort erlebt, und vor allem: „Puls“ en masse…. So existierte zum Beispiel in ihren Anfangszeiten das Notarztsystem noch gar  nicht. Die Chirurgie hatte sich als Fachgebiet noch nicht in die Bereiche Unfallchirurgie und Orthopädie, Allgemein- und Viszeralchirurgie differenziert, „der Chirurg“ machte schlichtweg so ziemlich alles, die fachlichen Spezialisierungen gab es erst deutlich später. Und in der Ambulanz, der heutigen Notaufnahme, wurden auch von den Pflegekräften Verletzungen versorgt, die man heutzutage im OP behandeln würde. „Diese Zeiten kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Hilde Marchesi. Vor allem aber gab es noch einen wesentlichen Unterschied zu heute: „Wer damals kam, der war auch wirklich krank“, sagt die Krankenschwester in Anspielung auf die Entwicklung seit einigen Jahren, in deren Zuge die Kapazitäten der Notaufnahmen landauf landab durch viele Bagatellerkrankungen blockiert werden.

Unter anderem auch durch diesen Trend, begleitet von den gesundheitspolitischen Restriktionen, hat sich Marchesis Meinung nach sowohl in der Notaufnahme, als auch überall im klinischen Alltag viel geändert - insbesondere im Blick auf die Zeit, die für den Patienten bleibt. „Ein bisschen kam man sich mitunter vor wie in Charly Chaplins moderne Zeiten“, sinniert sie. Denn ebenso wie in diesem Kultfilm zur industriellen Revolution sind es ja gerade die Arbeitsabläufe, die sich geändert haben: „Wir dokumentieren und bürokratisieren uns zu Tode“, seufzt die Vollblut-Krankenschwester, die sich natürlich in erster Linie am Bett, denn am Computer sieht. In diesem Sinne habe man im Laufe der Jahre ganz schön Federn lassen müssen. Ungeachtet dessen: Hilde Marchesi ist und bleibt eine überzeugte und überzeugende Botschafterin für ihren Berufsstand: „Es ist wirklich etwas Schönes, mit Menschen umzugehen! Und das wird in diesem Beruf immer bleiben: für und am Menschen zu arbeiten.“ Sie habe sich zum Ziel gesetzt: „Ich will nach der Arbeit zufrieden nach Hause gehen.“ Sicher, das sei nicht immer gelungen. „Aber den Spaß an der Arbeit, den habe ich mir nie nehmen lassen…“ Das wünscht sie auch ihren Kolleg:innen, die sie nun auf dem Weg in einen ganz sicher bewegten Ruhestand in der Zentralen Notaufnahme zurücklässt: „Immer positiv an die Sache rangehen, das hilft“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Hilde Marchesi ist eine von den Pflegekräften, die man nicht zu fragen braucht, wie es um die Wertschätzung ihres Berufsstandes steht. Sie weiß, was sie und ihre Leistung wert sind. Eine gestandene Krankenschwester, wie man so sagt. Die auch kein Problem damit hatte, unerfahrene junge Mediziner ziemlich unmissverständlich darauf hinzuweisen, wenn sie auf der falschen diagnostischen Fährte waren: „Das ist ein Wurm* und keine Divertikulitis!“ – über diesen Spruch muss sie noch heute schmunzeln  (*Entzündung des Blinddarms, auch Wurmfortsatz genannt). Am Tag des Interviews hat sie  wieder Dienst in der Ersteinschätzung – das System, welches bei einer großen Zahl von zu behandelnden Patienten zuverlässig diejenigen identifiziert, die am schwersten erkrankt oder verletzt sind und daher zuerst behandelt werden müssen. „Das ist spannend“, sagt die 61jährige, man lerne immer noch etwas dazu. „Mal gucken, was da so kommt heute“, sagt Hilde Marchesi, packt ihre Siebensachen und marschiert mit dem ihr eigenen dynamischen Schritt zum Pflegestützpunkt in ihrem „Emergency Room“. Wenn sie diesen Namen hört, muss sie allerdings lauthals lachen: „Spart Euch die Fernsehkosten“, empfiehlt Marchesi den zahlreichen Fans der grassierenden Klinik-Soaps augenzwinkernd. Und würde sich freuen, wenn mehr junge Menschen die interessante Ausbildung zur Pflegefachkraft absolvieren würden, statt sich das Ganze nur im Fernsehen anzuschauen.

Heute hat sie ihren letzten Arbeitstag – und damit das Vincenz ein markantes Gesicht weniger. Die Notaufnahme verliert mit ihr ein Urgestein, ein „Fossil“, wie sie sich selbst lachend bezeichnet. Zum Abschied wünscht sich Hilde Marchesi ganz allgemein mehr Respekt und mehr Eigenverantwortung: Respekt vor der rund um die Uhr vorgehaltenen medizinischen und pflegerischen Dienstleistung, die viele Mitmenschen so selbstverständlich und viel zu oft auch für Lappalien in Anspruch nehmen. Und Eigenverantwortung in Bezug auf die Selbsteinschätzung potentieller Patient:innen: ist mein Schmerz, meine Einschränkung wirklich so gravierend, dass ich tatsächlich ein Notfall bin? Oder kann ich mir vielleicht erst einmal selbst helfen?

Möge ihr Wunsch dem Einen oder der Anderen Befehl sein. Alles erdenklich Gute für die Zukunft, Hilde Marchesi!